Lust und Frust des Reisens

Es ist schmerzhaft, einen Ort zu verlassen, den man gemocht hat. Der einen verzaubert hat, in den man vielleicht gar ein bisschen verliebt war, der einem ein vorübergehendes Zuhause geboten hat. Es schmerzt, weil ein Ort niemals unser Besitz werden kann. Wir können einen Ort, eine Insel, eine Stadt, ein Zimmer für eine Weile lang bewohnen, mit Leben füllen, ein soziales Netzwerk darin aufbauen und neue Erfahrungen sammeln. Wir können lieben, lachen, weinen, essen und schlafen. Leben eben. Aber wenn wir weg sind, wenn wir den Ort verlassen, dann bleibt er einfach da. Wir können ihn nicht mitnehmen, nicht in die Tasche packen, denn ein Ort ist kein Objekt. Und wenn wir das nächste Mal wiederkommen, hat sich der Ort verändert, denn er wurde in der Zwischenzeit von anderen Menschen mit Leben gefüllt.

Also versuchen wir, uns den geliebten Ort einzuprägen, bevor wir ihn verlassen. Wir wollen alles in uns aufnehmen, die Gerüche, Geräusche, Farben, die den Ort prägen. Und diese gesammelten Eindrücke wollen wir dann in unseren Erinnerungen für immer am Leben halten – wir wollen den Ort zumindest in unseren Erinnerungen festhalten und besitzen können. Nur geht dabei vergessen, dass sich die Erinnerung verklären wird, sie wird mit der Zeit verblassen und eines Tages womöglich ganz verschwinden.

Möglicherweise ist es aber gerade dieses „nicht besitzen können“, was das Reisen ausmacht. Reisen zwingt uns, loszulassen – Orte, an denen wir uns zuhause fühlten, genauso wie die Menschen, die wir dort kennen und lieben lernten, die Gewohnheiten, die wir angenommen haben, den Tagesrythmus, alles, was diesen Ort umgab und besonders machte. Loslassen und weiterziehen, an einen neuen Ort, sich auf neue Menschen und Kulturen einlassen und später wieder loslassen, weiterziehen… Und so geht es immer weiter und es beschleicht einen das leise Gefühl, dass man immer nur zurücklassen muss, immer nur verliert, was man soeben gewonnen hat, verlässt, woran man sich gewöhnt hat.

Doch auch wenn man Erinnerungen nicht festhalten und konservieren kann, auch wenn man Orte nicht besitzen kann, so bleiben einem doch die Erfahrungen, die man während dem Reisen gemacht hat. Denn die Erfahrungen formen den Charakter, die Persönlichkeit, sie sind ein Teil von unserer heutigen Person geworden. Und sie werden es immer sein. So gesehen ist jeder Ort, der jemals betreten und geliebt oder gehasst oder gleichgültig betrachtet wurde tief in uns verankert, in den Wurzeln unserer Persönlichkeit. Auch wenn wir uns vielleicht gar nicht mehr an den Ort erinnern können, weil inzwischen so viel Zeit verstrichen ist, und mit ihr kommen neue Orte hinzu, neue Bekanntschaften, neue Erfahrungen. Denn mit allem, was man hinter sich lässt, gibt man einer neuen Erfahrung die Chance, gemacht zu werden.

 

 

2 Comments

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s