Leben im Moment

Es scheint derzeit gross in Mode zu sein, im Moment zu leben. Oder es zumindest zu versuchen. In der Gegenwart verwurzelt zu sein, anstatt der Vergangenheit nachzutrauern oder sich nach der Zukunft zu sehnen. Weil der gegenwärtige Moment im Gegensatz zum vergangenen und zum zukünftigen der Einzige ist, in dem wir handeln können. In dem wir etwas bewirken können. Vollkommen im Moment zu leben verspricht also erhöhte Produktivität, innere Ruhe und grösseren Fokus auf das, was ist und was verändert werden kann – nicht, was vor langer Zeit war oder in vielen Jahren (möglicherweise) kommen wird. Klingt durchaus verlockend…

Was ich allerdings nicht ganz verstehe ist – wenn man wirklich zu 100% in der Gegenwart lebt, im Hier und Jetzt, sich um die aktuellen Bedürfnisse kümmert und tut, was sich gerade richtig anfühlt – wie kann man sich dann zielstrebig verhalten? Für mich war zielgerichtetes Verhalten bisher immer definiert durch ein Ziel als Orientierungshilfe in der Zukunft, auf das man sich fokussiert und dem die Handlungen der Gegenwart anpasst werden. Brauchen wir also nicht (wenn auch nur vage) Vorstellungen der Zukunft und der Ziele, die wir zukünftig erreichen wollen, um Entscheidungen in der Gegenwart entsprechend kohärent zu treffen und zielführend zu handeln? Andererseits werden die Ziele für die Zukunft in der Gegenwart festgelegt. Sie basieren auf den Bedürfnissen des Jetzt. Also haben sie auch etwas Gegenwärtiges. Es ist jetzt mein Ziel, möglichst viel Reisen zu können, und auf dieses Ziel arbeite ich jetzt hin, auf das es sich in der Zukunft (hoffentlich in näherer) verwirkliche. Also haben Ziele durchaus Bezug zur Gegenwart.

Und wenn man die Gegenwart vollkommen losgelöst von der Vergangenheit betrachtet, wie kann man dann aus Fehlern lernen? Wenn man vergangene Lektionen, die einen das Leben gelehrt hat, nicht in die Gegenwart übertragen kann, weil man vollkommen im Jetzt aufgeht und sich von der Vergangenheit gelöst hat, ist das überhaupt noch gut? Tut einem das noch gut? Macht das Sinn? Ich mag nicht alle Fehler dreimal begehen, bloss weil die dabei gelernten Lektionen im Eifer des Gefechts in der Gegenwart untergehen.

Aber diese Gedanken sind ohnehin rein hypothetisch. Der sterbliche Erdenbürger, dem es gelingt, sich tatsächlich ausschliesslich auf die Gegenwart zu konzentrieren, ohne auch nur einen Gedanken an Vergangenheit oder Zukunft aufzuwenden, muss erst noch geboren werden. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind untrennbar verbunden. Sich vollkommen von Vergangenem zu lösen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Schliesslich ist die Vergangenheit tief in uns verankert, sie macht uns zu der Person, die wir heute sind, und sie wird immer Teil von uns sein. Und auch Gedanken über die Zukunft sollen ihren Platz haben im Leben – schliesslich bewahren sie uns davor, triebhaft und unüberlegt zu handeln und stattdessen Konsequenzen und Auswirkungen einer Handlung abzuwägen, bevor wir sie ausführen. Dennoch macht es Sinn, sich die meiste Zeit auf die Gegenwart zu fokussieren, denn in der Gegenwart können wir handeln, Entscheidungen fällen, und vor allem – in der Gegenwart leben wir. Die Gegenwart ist Realität, hier sollte unsere Gewichtung liegen – nicht in der Illusion von Zukunft und nicht in verzerrten und romantisierten Bildern der Vergangenheit.

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