Zukunftsangst

Manchmal überkommt mich die Zukunftsangst. Ich sitze irgendwo, am Ende eines eigentlich glücklichen und erfolgreichen Tages, und anstatt Dankbarkeit zu empfinden, schwimme ich in einem Meer von Zweifeln. Ich schwelge in verklärten Erinnerungen an Vergangenes, drücke mich vor der Zukunft mit ihren Ungewissheiten und vor der Gegenwart und all ihren Handlungsmöglichkeiten erst recht. Aber tief in mir weiss ich – es ist alles gut. Es ist alles gut so, wie es ist, und auch in Zukunft wird alles gut kommen. Irgendwo geht immer eine Türe auf, irgendwo führt immer ein Weg weiter. Und wenn doch einmal keiner vorhanden sein sollte, so suche ich mir eben meinen eigenen. Vielleicht kommt es nicht so, wie ich es mir vorstelle. Aber vielleicht kommt es sogar viel besser. Vielleicht auch nicht. Solange ich alles gebe, mir selbst treu bleibe, zu mir Sorge trage, kann mir nichts passieren. Ich habe das Steuer in der Hand, die Wellen werden kommen und gehen, manche Tage werden stürmisch sein, andere ruhig und entspannt. Vielleicht reisst mir eine steife Brise von Zeit zu Zeit das Steuer aus der Hand und ich und mein Boot werden zum Spielball der Wellen des Lebens. So ist das eben.

Meist blicke ich der Zukunft gelassen ins Auge. Ich weiss, dass ich mich über Wasser halten kann, komme, was wolle. Ich weiss, dass ich stark genug bin, um auch den wildesten aller wilden Stürme zu überstehen. Aber ich weiss nicht, wohin ich steuern soll. Und dann überkommt mich leichte Zukunftsangst. Ich zweifle an mir, weil ich so orientierungslos durchs Leben gondle, während mein Umfeld bereits konkrete Pläne schmiedet oder es mir zumindest so erscheint. Aber dann wiederum werde ich mir der Freiheit bewusst, die mir meine Orientierungslosigkeit gewährleistet. Ich beschränke mich nicht auf eine Richtung. Ich gehe mal hier hin, mal da. Mein Leben mag nicht geradlinig verlaufen, und wird vermutlich auch nie geradlinig verlaufen. Grösstmögliche Effizienz ist nicht (mehr) mein Ziel. Warum sollte ich schnellstmöglich von A nach B eilen, wenn es unterwegs so viel Schönes, Interessantes und Lehrreiches zu entdecken gibt? Vielleicht verliere ich beim Erkunden neuer Ecken mein ursprüngliches Ziel aus den Augen und lande schlussendlich bei C oder sogar D. Und wenn schon.

Der Preis meines momentanen richtungslosen Lebens ist die Unsicherheit und Zukunftsangst, die mich von Zeit zu Zeit überfällt – vor allem dann, wenn sich mein Umfeld ausserordentlich dafür zu interessieren scheint, was ich denn im Leben so tun möchte, und ich nicht so recht eine Antwort bereit habe. Ausser, dass ich frei zu sein gedenke, frei und in Bewegung. Konstant und für immer. Lieber frei als in einengender Sicherheit, lieber wachsen und scheitern an ständig neuen Herausforderungen als gefangen in der Routine.

Mein früheres Ich würde verzweifeln an mir. Du willst glücklich sein, das tun, was sich gerade richtig anfühlt? Wie willst du da konsistent handeln? Wie willst du es da zu was Seriösem bringen? Und überhaupt, du verschwendest deine intellektuellen Kapazitäten mit deiner Rumgondelei! So in etwa stelle ich mir eine Konfrontation meines heutigen Ichs mit meinem früheren, leistungsorientierten Ich vor. Aber das Einzige, was ich sicher weiss, ist, dass dieses Leben hier endlich ist. Und dass ich unendlich privilegiert bin, solch eine Freiheit erleben zu dürfen. Die Freiheit, Verschiedenes auszuprobieren, mich nicht festlegen zu müssen, nicht ums nackte Überleben kämpfen zu müssen. Wer weiss, wann und ob überhaupt so eine Wahnsinns-Chance wiederkommt. Ich bin hungrig nach Freiheit, und ich kann Freiheit haben – wo liegt also das Problem? Ich mache das schon richtig. Und überhaupt – was ist richtig und was falsch? Warum ist es richtig, zielstrebig eine Ausbildung hinter sich zu bringen, sich in Rekordzeit durchs Studium zu ackern, und falsch, einfach ein bisschen vor sich hin zu leben? Solange ich glücklich bin, ist alles gut. Glücklich sein ist der Parameter, an dem ich meinen Erfolg im Leben messe. Und momentan bin ich im Grossen und Ganzen glücklich, sehr sogar. Und schon ist die Zukunftsangst weg und einer inneren Glücksseligkeit gewichen. Glücksseligkeit darüber, dass ich selbstbewusst genug bin, um das zu tun, was mir passt. Dankbarkeit dafür, dass ich meine Bedürfnisse wahrnehmen kann und sogar das Glück habe, sie erfüllen zu können.

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