Gleichgewicht oder Exzess?

Ich habe den Glauben an den Konsum-Gott, der alle persönlichen Probleme zu lösen vorgibt, verloren. Dementsprechend kritisch sehe ich auch den Überfluss an Konsumgütern, von dem wir uns heutzutage umgeben sehen. Überfluss per se, losgelöst vom Konsum, ist aber nicht zwingend schlecht – oder doch?

Lange strebte ich nach Balance, nach innerer Ruhe und Ausgeglichenheit. Exzess hatte in meinem Leben nichts zu suchen, ich sah in der Annäherung an die goldene Mitte, an das ewige Gleichgewicht den Schlüssel zum erfüllten, erfolgreichen und glücklichen Leben.  Von nichts zu viel, von nichts zu wenig, sondern die genau richtige Menge an allen Ingredienzien des Lebens verlangte ich. Mittlerweile bin ich dem Exzess nicht mehr ganz so abgeneigt (solange es sich nicht um einen Konsum-Exzess handelt). Schlussendlich zeugt der Exzess von einer brennenden Leidenschaft, die nicht zu zügeln ist. Eines Verlangens, das gar nicht erfüllt werden kann, so gross ist es. Einer ungebremsten Freude an einer Tätigkeit. Und gibt es etwas Schöneres als leidenschaftlich zu leben? Gibt es etwas Schöneres als unermessliche Freude an einer Tätigkeit, die ein noch grösseres, unstillbares Verlangen nach dem Auslöser der Freude hervorruft? Ich denke nicht. Deshalb sage ich nicht mehr Nein, sondern Ja zum Exzess. Mag sein, dass ich süchtig bin nach gewissen Tätigkeiten – nach dem Radfahren, so schnell und so leicht wie der Wind und so offensiv wie McGregor etwa. Oder nach dem Reisen, nach dem Gefühl der Freiheit, dass mich befällt, wann immer ich meinen Fuss in ein mir fremdes Land setze. Nach dem Schwimmen im Meer zur frühen Morgenstunde. Und wenn schon. Diese Süchte machen mich lebendig, sie nähren mich in gewisser Weise, denn sie treiben mich stets zu ihrer Erfüllung an.

Und überhaupt – wer definiert ein zu viel? Wann ist viel Radfahren zu viel Radfahren, wann ist viel reisen zu viel reisen? In den Augen mancher bin ich verrückt dafür, dass ich täglich mindestens 20 Kilometer mit dem Rad zurücklege. Wieder andere können es nicht nachvollziehen, dass ich meine Lebenspläne ganz dem Reisen unterordne. Aber für mich kann es nicht genug Radfahren, nicht genug Reisen, nicht genug Meeresluft sein. Ein Überfluss in diesen Bereichen existiert für mich nicht, es fühlt sich für mich nicht nach einem zu viel an, ansonsten würde ich aufhören. Und was andere darüber denken mögen, ist mir ja bekanntlich herzlich egal. Ob ihnen mein Verhalten als übertrieben erscheint oder nicht – was geht es mich an? Ich habe im Exzess mein Glück gefunden, denn er ermöglicht es mir, das zu tun, was ich liebe – und zwar so oft, wie es mir danach ist. Und das ist sehr oft. Ich begrenze das, was ich liebe, was mich glücklich macht und erfüllt nicht mehr dem Gleichgewicht zuliebe in seiner Häufigkeit.

2 Comments

  1. Ich stimme Dir zu – mit einer Einschränkung:
    Für mich darf aus der Suche keine Sucht werden.
    Nach 20 km Fahrradfahren will ein Gefühl von Erfüllung haben. Ich möchte nicht, dass das Runnershigh zum Selbstzweck wird.
    Wenn ich reise, möchte ich mich auf neue Länder und neue Menschen freuen. Ich möchte nicht vor dem Ort fliehen, an dem ich gerade bin, aus Angst, etwas zu verpassen.
    Wenn ich etwas mache, weil ich Lust darauf habe und mich darauf freue, bin ich dabei.
    Aus Sucht oder Angst aber nicht mehr.

    Viele liebe Grüße
    😉🤗💟

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    1. Ja, da hast du recht – die Linie zwischen übermässiger Freude und Sucht ist oftmals fein. Ich bewege mich manchmal im Suchtbereich und das wird mir dann auch schnell bewusst – die Handlung erfüllt mich nicht mehr, weder während der Ausführung noch wenn sie abgeschlossen ist, und stattdessen will ich einfach immer mehr, mehr, mehr davon. Ich führe diese Tendenz auf eine innere Ruhelosigkeit zurück, deren Wurzeln ich aber noch nicht kenne.

      Auf jeden Fall finde ich deinen Ansatz, aus Lust und Freude zu handeln und nicht von Sucht und Angst getrieben zu sein, sehr gut und absolut wünschenswert. Ich hoffe sehr, dass ich meine Handlungen eines Tages auch ausschliesslich aus Lust und Freude an der Sache durchführen werde und dass ich es schaffe, den Suchtfaktor zu eliminieren. Danke für deine wertvollen Gedankenanregungen und liebe Grüsse zurück!

      Gefällt 1 Person

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