Leben im Widerspruch

Ich hasse Widersprüche. Ich hasse Inkonsistenz.  Es nervt mich, wenn Menschen Wasser predigen und Wein trinken. Es nervt mich, wenn Menschen sich selber und ihre Umgebung belügen, der Einfachheit halber oder um ihr Gewissen zu beruhigen. Es bringt mich nahezu auf die Palme, wenn sich Menschen über Hundefleisch echauffieren oder entsetzt vom Grauen der Pelzindustrie berichten, während sie in ein Steak beissen. Als sei das Leben einer Kuh weniger wert, als hätte sie weniger gelitten oder wäre lachend gestorben. La vache qui rit – blindes, naives manipulieren lassen von der Werbung. Ich fordere konsistentes Handeln von mir und meinen Mitmenschen. Wenn es nicht in Ordnung ist, einen Hund zu essen, ist es auch nicht in Ordnung, ein Schwein zu essen. Beides sind Tiere mit vergleichbarem Intelligenzniveau, Schmerzempfinden und Recht auf Leben.

Nur dumm, dass der Widerspruch, die Inkonsistenz untrennbar mit dem Leben verbunden sind. Ein Leben ohne Widerspruch ist unmöglich zu erreichen. Man kann sich dem Ideal eines widerspruchslosen Lebens annähern, was ich jedem ans Herz lege, aber vollkommen erreichen wird man es nicht. Auch ich handle nicht zu 100 Prozent konsistent. Ich preise den veganen Lebensstil für die ökologischen Vorzüge an und fliege derweil in Birkenstock-Schlappen aus Leder um die Welt. Ich verurteile Billigmode-Ketten für ihren verschwenderischen Umgang mit den Ressourcen und vor allem für die prekären Arbeitsbedingungen und renne dennoch in einer Bluse von H&M und Jeans von Zara durch die Gegend.

Ich lebe im Widerspruch. Wir alle tun es. Was mich wieder einmal daran erinnert, anderen verständnisvoller zu begegnen, wenn sie wieder einmal ungewollt die Widersprüche in ihrem Leben offenlegen. Und auch daran, dass der Weg das Ziel ist. Ich kaufe mittlerweile fast ausschliesslich auf Flohmärkten und in Secondhand-Läden ein. Und generell kaufe ich weniger, dafür gezielter, kompromissloser und kritischer ein – was mir nicht zu 100 Prozent gefällt und zu mir passt, wird nicht mitgenommen. Dafür nehme ich auch gerne ein wenig mehr Geld für einen fair produzierten Schal aus recycliertem Kaschmir in die Hand (Pré Studios – check it out, der Schal ist der helle Wahnsinn, so weich und warm und langlebig!).

Ich nähere mich dem Ideal des widerspruchsfreien Lebens an, nicht stetig, aber immer wieder. Manchmal mache ich Rückschritte, aber die generelle Richtung zeigt nach vorne, und das ist gut genug. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, was für eine Belastung häufiges Fliegen für die Umwelt darstellt und habe dennoch nicht im Sinn, mich einzuschränken. Dies ist die Imperfektion, die ich mir erlaube, abgestempelt als gesunden Egoismus.

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