Alt werden ist keine Selbstverständlichkeit

Es scheint mir so, als hätten viele meiner Mitmenschen dieser Breitengrade im Zuge einer höheren Lebenserwartung und verbesserten Gesundheitsdiensten eine Selbstverständlichkeit gegenüber dem Leben entwickelt. Die generelle Erwartungshaltung ist, dass man alt wird, 80 Jahre oder länger lebt. Diese eigentliche Möglichkeit wird mit einer Tatsache verwechselt, die als garantiert gilt. Viele haben das Gefühl, es sei nur gerecht und stehe ihnen zu, ein langes, gesundes Leben zu führen. Vielleicht verdrängen sie auch einfach die Möglichkeit eines frühen Todes aus Angst vor dem Sterben und der Ungewissheit darüber, was danach kommt.

Ich sehe alt werden und leben nicht als selbstverständlich. Dass ich bereits zwanzig lange Jahre als die Person, die ich bin, und in dieser privilegierten Umgebung leben durfte ist phantastisch, hervorragend, phänomenal! Zwanzig wunderbare Jahre in meiner Haut zu stecken, ein erfülltes Leben führen zu dürfen, mehrheitlich glücklich und gesund… Was könnte ich mehr wollen? Zwanzig Jahre ist eine lange Zeit! Nicht jede und jeder erreicht dieses Alter, es ist absolut keine Selbstverständlichkeit. Daher irritiert es mich umso mehr, wenn fünfzig / sechzig-jährige Damen und Herren behaupten, sie gehörten noch lange nicht zum alten Eisen und hätten mit Garantie noch mindestens zwanzig weitere Jahre zu leben. Das ist doch einfach nicht wahr. Fünfzig zu werden, ist eine Sensation. Ein Freudenmoment, eine Leistung, und ein Alter, das zu erreichen man sich glücklich schätzen kann. Jeder weitere Tag ist ein Geschenk, egal wie alt man ist. Jeder Tag, an dem man gesund und munter und frei von existentiellen Ängsten aufwacht, ist weder selbstverständlich, noch garantiert, noch gleichgültig anzusehen – sondern mit Dankbarkeit anzunehmen und seinem Wert entsprechend zu behandeln.

Wenn man das Erleben des kommenden Tages nicht als Selbstverständlichkeit hinnimmt, macht man mehr aus der Gegenwart. Die Dinge, die einem wirklich wichtig sind, werden nicht aufgeschoben und in die ungewisse Zukunft verlagert, sondern sie werden angegangen im einzigen Moment, der tatsächlich uns gehört – dem heutigen Tag, der heutigen Stunde, Minute. Und man wird täglich umspült von einem warmen Gefühl der Dankbarkeit, einen weiteren Tag dieses Leben leben zu dürfen.

Also – seht der Wahrheit endlich ins Gesicht. Das Leben ist endlich, und zwar nicht erst ab sechzig, sondern bereits heute. Der Tod ist immer da, manchmal näher und manchmal ferner, aber wie nah oder fern, weiss schlussendlich niemand. Hört endlich auf, den Tod zu ignorieren, nur weil ihr seine Existenz nicht anerkennt, heisst es nicht, dass es ihn nicht gibt. Macht das Beste aus jedem Tag, den ihr gestalten dürft, jeder Atemzug ist ein Geschenk.

P.S. Mehr zu Leben und Tod hier.

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