Wunschlos glücklich

Erst vor Kurzem wurde mir bewusst, dass ich momentan in den Genuss eines nahezu ewig fortdauernden Sommers komme. Auf einen Abstecher nach Thailand im letzten Winter folgte der Schweizer Sommer gepaart mit dem spanischen Sommer in Conil. Und nun da der Herbst naht, weile ich in Torre dell’Orso, wo selbst Mitte Oktober noch eitel Sonnenschein herrscht*. Danach geht es zur Überwinterung in Richtung Asien, bevor ich pünktlich zum Frühlingsanfang wieder zurück in die Schweiz gondle. Ein Freudenfest. Diese Aneinanderreihung von Sommersaisons ist genau das, was mir entspricht.

Nur brauchte ich eine ganze Weile, um mein Glück zu realisieren. Um mir gewahr zu werden, dass ich jetzt das lebe, wovon ich schon lange träumte. Zu lange war ich verheddert in Details, die mir nicht passten. Indem ich meinen Fokus auf die wenigen unguten Aspekte richtete, verlieh ich ihnen viel zu viel Gewicht. Denn im Grossen und Ganzen gibt es in meinem Leben momentan nichts zu meckern, wirklich nicht. Doch in Conil war mir das Meer zu wild und ich sehnte mich nach dem Badewannen-Gefühl, dass ich in Thailands sanften Wogen empfand. In Torre dell’Orso wiederum hatte das Städtchen im meinen Augen zu wenig Charme, abgesehen davon, dass es wie ausgestorben dastand, da Nebensaison war und sich alle Restaurantbetreiber wieder zurück ins Landesinnere verzogen haben. Und in Thailand vermisste ich mein heimisches Essen (obwohl ich stattdessen in den Genuss saftiger, reifer Tropenfrüchte kam) und nervte mich ob des fleischlastigen Angebots und des ewigen Fried Rice, den ich mittags und abends konsumierte (kaum setzte ich meinen Fuss auf Schweizer Boden, vermisste ich das Früchteangebot und auch den Fried Rice, Notiz am Rande).

Es gab also immer etwas, das mir am jeweiligen Aufenthaltsort nicht passte. Und das wird es wohl immer geben, denn Perfektion zu erwarten, wäre unrealistisch. Aber Perfektion muss gar nicht gegeben sein, um glücklich zu sein. Der Schlüssel zum Glück, so scheint es mir, liegt im Fokus. Im Fokus auf das viele, das gut und schön ist, anstatt das wenige, das besser sein könnte. Und plötzlich realisierte ich, dass ich den eigenen Traum bereits lebe, und zwar jetzt! Und auch, wie unglaublich privilegiert ich bin. Privilegiert, so viel Auswahl zu haben im Leben, so viel Gestaltungsfreiraum, so viele Freiheiten, so wenige existenzielle Ängste, generell so wenig Angst zu verspüren. Stattdessen so viele Chancen zu sehen und zu nutzen, die eigenen Träume zu verwirklichen, sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens machen zu können. Ein Zeichen von grösster Sorgenfreiheit.

Gestern Abend stand ich am Meer in Torre dell’Orso. Die Sonne war bereits untergegangen, statt ihr zierte nun der Vollmond den Himmel. Leuchtend und rund hing er am Firmament und strahlte mich an. Ich verweilte für einige Momente an der Strandpromenade und blickte ihn mir an, da sagte meine Mutter mir und meinem Bruder, wir sollen uns vom Mond etwas wünschen. Und zum ersten Mal seit Langem, vielleicht zum ersten Mal seit meiner Existenz, kam mir kein Wunsch in den Sinn. Ich war wunschlos glücklich. Und ich blickte den Mond an und wünschte mir weitere Momente dieses wunschlosen Glücks, denn es war und ist das schönste Gefühl, dass ich verspüren kann. Es fühlt sich leicht an, es befreit. Es ist die ultimative Form des mit sich im Reinen sein, im Moment verwurzelt zu sein, nach nichts krampfhaft Streben zu müssen, überhaupt nichts zu müssen, aber alles zu dürfen. Pures, güldenes Glück.

Und ich wand mir in diesem Moment selbst ein Kränzchen. Denn natürlich wurde ich mit überaus dankbaren Umständen beschenkt, die mir ein Leben, wie ich es heute kenne, überhaupt erst ermöglicht haben. Doch ich habe aus den Umständen heraus mein heutiges Leben gestaltet. Ich habe die Freiheit des letzten Jahres genutzt, um meine Wünsche und Bedürfnisse ernst zu nehmen. Um mir mehr Zeit zu lassen mit der Studienwahl und mir stattdessen den Traum des ewigen Sommers zu erfüllen. Und genau das habe ich gemacht. Das Schönste am Ganzen war nicht die Erfüllung des Traums selbst, sondern das Gewahrwerden desselben. Dank einer leichten Fokusänderung wurde mir bewusst, dass ich momentan das lebe, wovon ich geträumt habe. Dass alles negative, worauf ich mich viel zu lange konzentrierte, ganz klein und unbedeutend wird, wenn ich mir das Positive in Erinnerung rufe, das in diesem letzten Jahr entstand. Wenn ich mir in Erinnerung rufe, wie sehr ich in diesem Jahr gewachsen bin, gewachsen an der Herausforderung der plötzlichen, überwältigenden Wahlfreiheit und Richtungslosigkeit, gewachsen am Alleinsein auf meinen Reisen, gewachsen an den täglichen Erfahrungen mit berührenden Schicksalen bei der Arbeit. Und wenn ich ganz ehrlich bin, verdrücke ich gerade eine kleine Träne des Glücks und des Stolzes. Es ist so schön, wunschlos glücklich und von Dankbarkeit erfüllt zu sein. Tausend dank an das Leben, an euch, an mich ♥.

*Ich bin leider schon seit gestern wieder zurück in den heimischen Gefilden, der Text ist also nicht ganz aktuell. Ein gewisser Jemand hat nämlich vergessen, bei der Buchung der Wohnung zu überprüfen, ob Wlan inbegriffen ist, „das ist ja überall vorhanden und ohnehin selbstverständlich“, hust hust. Nach diesem Malheur (ich hatte Entzugserscheinungen! Was mache ich bloss ohne das Internet, da falle ich ja tot um vor Langeweile) richte ich ab jetzt immer ein besonderes Augenmerk auf die Wlan-Verfügbarkeit. Es soll mir eine Lehre sein.

FUJI7617

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