Ziele sind gut und schön, aber…

Sich Ziele zu setzen, ist grundsätzlich eine prima Sache. Ziele motivieren, treiben an, verleihen dem eigenen Tun Sinn, geben dem Leben Richtung. Aber sie können auch zum Verhängnis werden, zur Falle, zum selbst errichteten Gefängnis. Und zwar, weil Ziele automatisch die Erwartung mit sich bringen, dass diese auch genau so erfüllt werden sollen, wie wir es uns vorstellen. Und weil Ziele dem Leben Richtung geben, was aber auch bedeutet, dass die Wahlfreiheit eingeengt wird – aus allen Wegen, die mir im Leben zur Verfügung stehen, scheint mir plötzlich nur noch einer gut genug, und zwar der, der mich meinen Zielen näher bringt. Dass die anderen genauso interessant sein könnten, vielleicht sogar lehrreicher, vielleicht steiniger, vielleicht aber auch von Blumen gesäumt, daran denke ich gar nicht erst. Zu beschäftigt bin ich mit meinen Zielen, zu geblendet von meiner präzisen Vorstellung, wie die Zukunft auszusehen hat. Und wenn das Leben dann eine unerwartete Wendung nimmt, mich zwingt, den Weg zu verlassen und einen neuen einzuschlagen, bin ich enttäuscht. Obwohl dieser Weg möglicherweise viel grössere Chancen bietet als der zuvor begangene.

Ich habe bemerkt, dass Ziele zwar eine prima Sache sind – aber eben nur dann, wenn sie nicht zu eng gesetzt sind und ich mich nicht allzu sehr auf ihr baldmöglichstes Erreichen fixiere. Nur dann, wenn ich flexibel bleibe, immer darauf gefasst, meine Ziele zu ändern. Wenn ich trotz Zielen offen bleibe für Neues, für Unerwartetes. Denn das Leben lässt sich nun einmal nicht in vorgeformte Bahnen pressen, zumindest meines nicht, und ganz ehrlich – es ist mir auch lieber so. Ich mag es schliesslich auch ein bisschen wild, ein bisschen loca.

Ein Ziel von mir, dass sich erfüllt hat bzw. kurz vor seiner Erfüllung steht, ist die Idee eines ewigen Sommers. Ein essentieller Teil meines Plans, in den Genuss eines ewigen Sommers zu kommen, stellt meine Asienreise dar, die ich in Kürze antreten werde. Das Ziel eines ewigen Sommers ist grundsätzlich gut, doch in meinem Falle war es an zu viele Details, an zu viele Bedingungen geknüpft. Es reichte mir nicht, zu sagen „ich möchte einen Teil des Winters in Asien bzw. in der Wärme verbringen“, nein, ich stellte mir mindestens vier Monate vor. Nur hat es sich jetzt so ergeben, dass ich Anfang März bereits eine neue Stelle antrete und zuvor ein Sprachaufenthalt in Frankreich in meinem Plan Platz finden musste, der mich auf die Aufnahmeprüfung für ein Studium vorbereiten soll. Dieser unvorhergesehene Sprachaufenthalt wiederum wiederum verkürzt die Dauer meiner Asienreise. Dafür komme ich so in den Genuss von zwei Wochen Paris, einer Stadt, die ich sehr mag. Aber anfangs hat mich dieser Planwechsel extrem genervt. Ich hatte gar keine Lust auf Paris, was will ich mit dem winterlichen, grauen Grossstadtleben, wenn ich stattdessen einen halben Monat länger dem faulen Inselleben fröhnen könnte? Ich sah mich vor meinem geistigen Auge mit ernster Miene durch Pariser Strassen stapfen, genervt vom Schneematsch, braun gefärbt von all den Autos, frierend. Irgendwann wurde ich mir bewusst, dass sich mein Ziel auch dann erfüllt hat, wenn ich ein bisschen weniger lange in Asien verweile. Was sind schon zwei Wochen? Mir bleiben noch immer drei Monate in der Wärme. Und ausserdem: Eigentlich ist Paris doch eine super Stadt. Und mittlerweile freue ich mich richtig. Einmal ins Pariser Leben eintauchen, nach Monaten in Shorts und Bikinis meine schicken Wollzweiteiler rauskramen, mich in weiche Pullover hüllen, wieder Schmuck tragen, die schönen Häuser bestaunen, den Montmartre besteigen, Sonntags in eines der zahlreichen Museen gehen, morgens frisches Brot beim Bäcker holen (das ist in Asien nämlich entweder nicht vorhanden oder widerlich), mich durch Vintage Läden wühlen, den Rest meines Geldes für neue Kleiderschrank-Schätzchen und Avocado-Toast im Le Pain Quotidien liegen lassen und mit ganz vielen neuen Erfahrungen nach Hause kommen. Paris stellt eine ungemeine Bereicherung für mein Reiseprogramm dar. Und mein Französisch bessere ich hoffentlich ganz nebenbei auf, während ich einem hübschen Pariser schöne Augen mache.

Auf jeden Fall freue ich mich auf alles, was mich in den nächsten Monaten erwartet – auf brütende Hitze und klirrende Kälte, auf faule Tage und fleissiges Büffeln, auf fried rice und Baguette, aufs Töffli fahren und die Metro, und auf alle Menschen, denen ich begegnen werde. Und für ein nächstes Mal nehme ich mir fest vor, meine Ziele nicht zu eng zu fassen. Dann bleibt mir auch die anfängliche Enttäuschung erspart und ich kann mich vom Fleck weg freuen ♥.

3 Comments

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s